Relato de minha Avó Herta Anna Emma Moecke sobre a imigração, viagem de Hamburgo, via Rio de Janeiro, até Cruz Machado no Paraná , no Sul do Brasil.

Die Idee der Auswanderung und der Reise von Hamburg, über Rio de Janeiro, bis nach Cruz Machado, im Staate Paraná, gelegen im Süden Brasiliens.

Jetzt bin ich schon wider viele Jahre in diesem Schönen, sonnigen Land Brasilien, und Ihr, meine Enkel, sollt wissen, wie es damals war, 1920-1921.
Es ist schwer, sich an alles zu erinnern, aber versuchen werde ich es, damit Ihr, meine Lieben, Vergleiche ziehen könnt, und mit den Möglichkeiten, die Euch geboten werden, zufrieden seid

Die erste Auswanderung war natürlich ganz anders als unsere Rückkehr 1950. Kein Mensch hatte eine Ahnung, wie es hier in Brasilien sein würde.
Mein Vater kam 1918 schwer verwundet, aus dem ersten Weltkrieg, nach Hause. Sein einziger Gedanke war auszuwandern, ein eigenes Stückchen Land zu haben und keine Unruhen und Kriege mehr sehen zu müssen. Er war Handwerker (Stellmacher) aber das nützte damals nichts, da alle Soldaten neu anfangen wollten und dazu vor allem Arbeit brauchten. Davon gab es wenig. Mutter war im Krieg Briefträgerin über Land, was bedeutete, 15-20 km täglich zu laufen, bei jedem Wetter und mit einer schweren Tasche. Das können heute wohl wenige ermessen.

Das alles waren die Hauptgründe der großen Auswanderung von 1920 an. Alle dachten: Zu verlieren war nichts, nur alles zu gewinnen. Daß dieses ein Irrtum war, mußten die Emigranten bald erfahren.  Ich bin zwar in Hamburg geboren, aber in Wittenberge zur Schule gegangen. Von dort aus sind wir auch ausgewandert. Zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen für die Reise. Es war alles sehr schwierig.
Für uns Kinder war es wohl eher ein Abenteuer. Mein Bruder war 5 Jahre alt, ich 10. Das letzte Jahr war ich in der Mittelschule und habe sie und meine Freundinnen nicht gerne verlassen.
Aber bei der ersten Begegnung mit der Besatzung des Schiffes war alles vergessen, was vorher war. Wir standen vor Menschen, die eine andere Sprach sprachen. Das Essen war nicht einmal ähnlich dem, was wir gewohnt waren. Das Schiff war alt, Brasilien hatte es als Kriegsschuld von Deutschland übernommen. Der Name (Poconn
¢e) blieb uns bis heute unvergessen.

Die Gefrieranlage an Bord war meistens defekt, so daß das Fleisch schnell verdarb, daß wir im Hafen übernahmen. So gab es von Portugal an alle Tage Stockfischsuppe mit Nudeln. Ich habe lange Jahre kein Stockfisch (bacalhao) sehen mögen.
Meine Mutter wußte sich aber zu helfen, sie hatte einen Brotkasten voll Eiern mitgenommen, und da es immer Reis extra gab, holte sie sich aus der Küche Mehl und Fett und bug auf einem Spirituskocher die schönsten Reiskuchen. Später wurde diese Kocherei wegen der Feuergefahr verboten. Das war natürlich für die Mütter, die Babies hatten sehr hart, es starben sogar zwei kleine Kinder an Bord.

Da das Schiff überbelegt war, und bei so vielen Menschen keine Ausnahme gemacht werden konnte, war es verboten, den Emigranten außerhalb der Mahlzeiten Lebensmittel zu geben. Aber da lernten wir ein Wort kennen, daß bis heute unser Leben in Brasilien begleitet, das Wort „jeito“. Damit, sowie mit der angeborenen Gastfreundschaft des Brasilianers, wurden viele Probleme gelöst.

Die Frauen waren oft seekrank, so auch meine Mutter. Da machten wir Kinder dann Entdeckungsreisen auf dem ganzen Schiff, auch dort, wo wir eigentlich nicht hindurften. Wir hatten nämlich Passagiere erster Klasse an Bord und waren selber Menschen dritter Klasse. Aber wir Kinder wußten ja noch nichts von diesem Unterschied.
Einmal kam ich an der Ersten-Klasse-Küche vorbei. Da war in der Tür eine Durchreiche für die Essensausgabe. Der Koch rief mich und machte mir durch Gesten verständlich, ich solle meine Schürze (übrigens eine gestärkte, mit vielen Stickereien) hochnehmen. Bevor ich es richtig begriffen hatte, segelte ein großes Omelett mit Füllung heiß aus der Pfanne, durch das Loch in der Tür, in meine schöne Schürze. So schnell bin ich wohl selten hinunter in unseren Schlafsaal gekommen. Es war ein Festessen.

Die Besatzung mochte uns Kinder und wir nutzten das auch weidlich aus. Die Stewardeß war eine ältere Dame, vielleicht kam es uns Kindern auch nur so, vor weil sie schwarze Kleider trug und immer sehr ernst war, doch sie hatte ein gutes Herz.
Zum Kleider aufbügeln kam sie auf unser Deck herunter und brachte dann frische Brötchen, belegt mit Käse und Gelee, unter ihrer Schürze mit. Wer dann in der Nähe war, der hatte Glück. Nur mußten wir gleich verschwinden, denn sie durfte zwar helfen, es durfte jedoch keiner sehen. Alles mit „jeito“. Das wir Kinder das angenommen und gegessen haben war Selbsterhaltungstrieb.

Unsere Unterkünfte auf dem Schiff waren große Räume im Zwischendeck. Die Betten waren doppelstöckig und in langen Reihen aneinander gestellt, mit den Kopfenden aneinander. Als Wand waren zwischen jeder Familie Wolldecken aufgehängt, damit wenigstens etwas die Intimität gewahrt blieb. Ich entsinne mich, daß es für uns Kinder oft sehr lustig war, besonders, wenn die Erwachsenen Abends noch an Deck gingen. Dann hatten wir das ganze Revier für uns.

Je näher wir unserem Ziel kamen, desto heißer und unerträglicher wurde die Reise. Wer irgendwo einen Platz an Deck hatte, blieb auch nachts oben. Da war jedes Eckchen belegt. Trotzdem mußten noch viele in den überhitzten und dumpfen Räumen bleiben, vor allem Familien mit kleinen Kindern.

Aber alles hat ja einmal ein Ende, so auch unsere Überfahrt. Beinahe 6 Wochen hatte sie gedauert. Eines Abends im Februar, also im Hochsommer, lief der Dampfer in die Bucht von Rio de Janeiro ein. Das Erlebnis war so großartig, daß es wohl nicht darauf ankam, ob man es als eleganter Passagier, oder als armer Auswanderer erlebte.

Alle waren fröhlich und guter Dinge, niemand ging mehr schlafen, sogar wir Kinder durften oben bleiben, wir waren ja auch neugierig, was nun kommen würde.
Erst am frühen Morgen wurden wir in große Schuten verladen und zu einer Insel (Ilha dos Flores) in der Bucht von Rio de Janeiro gebracht. Die Insel hatte damals ihren Namen zu Recht. Es war ein Paradies. Überall Blumen und Früchte. Endlich konnten wir uns alle wider frei bewegen und jeder konnte tun und lassen, was er wollte, wenn er sich nur an die Hausordnung hielt.

Es gab helle Räume zum schlafen und endlich war jede Familie wider für sich. Das Leben aber spielte sich meistens draußen ab. Die Frauen konnten endlich ihre Wäsche waschen, auch die Kisten aus dem Zoll kamen aus Rio an. Es wurde wohnlich um uns herum. Wir Kinder gingen baden oder machten aus Bananenstauden Flöße, die dann oft auf dem Wasser auseinander gingen, und wir uns dann oft nur knapp ans Land retteten. Das Essen war gut, es gab schwarze Bohnen und viel Gemüse. Fleisch fehlte nie, und nach den schweren Wochen auf dem Schiff war die Zeit auf der Insel wie Ferien. Ein Erlebnis kann ich bis heute nicht vergessen: Einige Boote kamen dicht an unsere Insel heran, die Insassen, junge Burschen, warfen kleine Bomben ins Wasser. Da war der Strand plötzlich voller toter Fische. Die großen sammelten diese Leute schnell in ihre Boote und verschwanden dann so schnell. Wie sie gekommen waren. Meine Mutter hat, wie auch andere Frauen, die kleinen Fische gesammelt und auf Holzkohlenfeuer gebraten. Die Zutaten konnte man in der Küche bekommen. Für die Familienväter kamen jetzt langsam die Probleme mit der Weiterreise. Alle waren mit dem Gedanken gekommen, ein eigenes Stück Land zu besitzen. Davon war aber bei den Behörden keine Rede mehr. Im Gegenteil: Täglich erschienen Agenten von den Kaffeeplantagen, die Familien als Tagelöhner anwerben wollten.
Leider waren es oft deutsche Burschen, die für Geld den Emigranten das Leben auf den Fasendas in den rosigsten Farben ausmalten. Da von der brasilianischen Regierung wochenlang nichts unternommen wurde, hatte sich bald eine große Gruppe für die Kaffeeplantagen entschieden. Nach ihren Abreise wurde es still auf der Insel. Viele waren im Zweifel, ob sie recht getan hatten. Andere, darunter auch meine Eltern, warteten einfach.

Da gab die Behörde eines Tages bekannt, daß es im Süden des Landes, im Staate Parana, noch Bundesland gäbe, das jetzt von der Regierung zum siedeln frei gegeben wäre, der Name: Cruz Machado.

Die Reise nach Cruz Machado

Cruz Machado war von nun an das Tagesgespräch, das gelobte Land. Es sollte ja die neue Heimat werden, doch bis dahin waren viele Schwierigkeiten zu überwinden. Vor allem mußten wir erst einmal dort hinkommen, was gar nicht so einfach war.

Es hatten sich langsam Gruppen zusammengeschlossen, einige, weil sie aus der selben Gegend in Deutschland kamen, andere, weil sie Musik liebten und Instrumente dabei hatten.
Es wurde überhaupt, trotz aller Sorgen, viel gesungen. Die Menschen waren nicht mehr sosehr zusammengewürfelt, jeder war schon „wer“. Die Gruppen, am Anfang ungefähr 80 Familien, wurden wider auf Schuten geladen und in Rio auf einen Küstendampfer verfrachtet. Das Schiff hieß „Iris“ und war sehr klein.
Das Wetter war von Anfang an schlecht. Wir waren noch nicht aus der Bucht, da waren fast alle seekrank.
Zum Abend waren sogar die meisten Tribulanten arbeitsunfähig. Uns Kindern ging es gut, ich glaube, Kinder sind gegen die Seekrankheit immun. Es war weiter nicht Tragisch, es mußte ja nicht gekocht werden, da sowieso niemand essen wollte. Die, die trotzdem Hunger hatten, konnten sich in der Kombüse (Küche) etwas zurechtbrutzeln.

Für meinen Vater wurde einmal sehr kritisch. Mein Bruder hatte sich auf der Blumeninsel ein Stückchen Muschel in den Fuß getreten, das sich entzündet hatte und sehr böse aussah. Der Arzt war krank und der Apotheker wollte es nicht aufschneiden. Es mußte aber schnell gehandelt werden, da hat mein Vater selber operiert. Das nötige Verbandszeug durfte er sich nehmen. Am nächsten Morgen hat er den Verband erneuert, vor allem hat er ihn verkleinert, damit mein Bruder wieder Schuhe anziehen konnte. Mein Bruder ist dann noch 4 Tage damit gereist und als wir dann endlich Gelegenheit hatten uns umzuziehen, war der Fuß geheilt.

Das Schiff kippelte 3 Nächte und 2 Tage ununterbrochen, dann endlich kamen wir in Parana an. Meine Mutter war meistens ohne Besinnung, So das sie sich nie erinnern konnte, wie sie vom Schiff in den Eisenbahnwaggon gekommen war. Jedenfalls hatten wir nun den Staat Parana erreicht und es ging der Hauptstadt Curitiba entgegen. Es war ein Sonderzug und für die Stadt sicher eine Attraktion, denn der Bahnhof war voller Menschen. Unser Zug mußte umrangiert werden, um nach Uniao da Vitoria zu gelangen. Viele der Zuschauer sprachen Deutsch und brachten Süßigkeiten für uns Kinder.
Aussteigen durfte niemand, wohl damit keiner verloren ging. Einer, den wir gut im Gedächtnis behalten haben, war ein Bäcker. Er hatte eine Weidenkiepe voll frischer Brötchen auf dem Rücken. Er ging von Fenster zu Fenster und gab jedem etwas aus der Kiepe. Mein Vater fragte ihn, ob man hier Milch bekommen könnte, da seine Frau krank wäre, und da noch eine Familie mit einem sehr kranken Kind wäre. Da fuhr unser Zug aber schon ab. Der Mann rief nur noch, wir sollten uns auf der nächsten Station melden. Und wirklich, wir waren kaum eine Stunde gefahren, da hielt der Zug und ein Mann kam mit einen großen Kaffeekanne voll Milch. Er fragte nach den kranken und gab meinem Vater die Kanne. Mutter ging es schon etwas besser, so daß recht viele Kleinkinder von der Milch bekamen.
Nur dem kranken, dreijährigen Jungen war nicht mehr zu helfen. Er starb noch während der Bahnfahrt. Damit das Ehepaar nicht mit dem Kind irgendwo zurückbleiben mußte, schwiegen alle, bis wir am Ziel waren. Der Kleine wurde dann in Uniao da Vitoria begraben. (Diese Begebenheit hat mir meine Mutter erzählt, und die Schwester des Kleinen, die hier in Parana wohnt, hat es bestätigt. Die Eltern sind in Luckenwalde, bei Berlin, verstorben.)

Die Ankunft auf dem wenig beleuchteten Bahnhof von Uniao da Vitoria war furchtbar. Hier im Süden war es Herbst und so richtiges Nieselwetter. Wir hatten viel Handgepäck, auch wir Kinder, der Platz vor dem Bahnhof war voller Neugieriger, vor allem Halbwüchsige, die sich einen Spaß mit uns machten. Wir verstanden sie nicht und hatten die Hände voller Taschen. Da versuchten sie uns anzufassen und ich, als 10 jährige, wäre fast vor Angst gestorben. Wie wir damals die zwei km bis zum Immigrationsschuppen geschafft haben, kann ich mir nicht mehr vorstellen. Es war völlig dunkel, zumindest nachdem wir von der Hauptstraße abgegangen waren.
Die Straße war ein Morast, so daß wir uns an beiden Seiten der Straße, im Gänsemarsch, entlangseilten. Aber irgendwie sind wir dann doch angekommen.
Unsere Herberge war ein langer Schuppen, in der Mitte ein Gang und an beiden Seiten Pritschen mit Stroh. Gott sei dank war unsere Mutter wieder auf den Beinen. Sie war sicher noch nicht gesund, aber es war ja kein Arzt da, um das festzustellen. Für uns Kinder war es die Hauptsache, daß Mutter wieder mit uns sprach und sich um alles kümmerte.

Ob sich heute wohl jemand vorstellen kann, was für ein Leben das war? Tage und Nächte unterwegs, ohne sich umzuziehen, knappes waschen und schlafen auf einer Bank, oder auf Stroh?
Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, sogar daran, jeden Tag ein Bad zu nehmen und dann mit sauberer Wäsche in einem sauberen Bett zu schlafen.
Na ja, so weit war es damals noch lange nicht. Mutter packte erst einmal das nötigste aus, damit wir uns umziehen konnten. Mein Bruder und ich hatten draußen ein großes Feuer entdeckt, das eine Hoffläche mit kleinen Feuerstellen beleuchtete. Auf aufgeschichteten Mauersteinen standen 20 Ltr. Blechkanister. Darin war unser Abendessen, schwarze Bohnen mit viel Trockenfleisch und Dauerwurst (charque e linguiça). Schon der Geruch war ein Genuß. Geschmeckt hat es noch besser. Hunger ist wohl der beste Koch und wir hatten schon lange nichts warmes mehr gegessen

Am anderen Morgen sah die Welt schon anders aus. Die Sonne schien und in der Nähe, man konnte ihn von unserer Unterkunft aus sehen, war ein großer Strom, der Iguaçu (heute berühmt für seine vielen Wasserfälle, unter anderem die größten Südamerikas und wohl die schönsten der Welt: „Foz de Iguaçu“).
Auf diesem Strom waren noch am selben Abend viele Familien auf Barkassen verladen, und bis Porto Almeida, einem kleinen Hafen stromabwärts, gebracht worden. Das erfuhren meine Eltern aber erst morgens. Später erzählten die Leute, daß sie dort sehr gut in einem Hotel untergebracht worden waren und der Wirt, ein Italiener, ihnen ein gutes Abendessen serviert hatte.
Jetzt sollte das letzte Stück unserer Reise in unsere neue Heimat vonstatten gehen. Unser Ziel war Cruz Machado, die schon auf der Blumeninsel erwähnte Bundeskolonie. Schon der Name war schicksalhaft, Kreuz und Axt, so hieß es auf Deutsch. Der Ort war etwa 60 km von Uniao da Vitoria entfernt. Mein Vater mußte noch bleiben, bis die großen Gepäckstücke, die mit dem Frachtzug kamen, auf Fuhrwerke verladen waren.
Uns standen fünf große Planwagen zur Verfügung. Eigentlich war unser Wagen schon beladen, so daß wir dicht unter die Plane kriechen mußten, aber es ging ganz gut. Wir waren nur fünf Passagiere, Mutter, mein Bruder und ich und dann noch eine ältere Frau mit ihrer dreijährigen Enkelin.

Diese Oma hatte einen recht traurigen Namen, sie hieß Sorge. Ich hatte damals bestimmt noch keine Ahnung, was das Wort zu bedeuten hatte, aber meine Mutter hat sich sicher etwas dabei gedacht, zumal die Familie für die erste Zeit im Wald unsere Nachbarn waren.
Mein Bruder hat sein ganzes Leben lang Pferde gern gehabt. Ich glaube, daß diese Reise viel dazu beigetragen hat. Er hatte sich nämlich gleich mit dem Fuhrmann angefreundet. Dieser war ein älterer Brasilianer mit langem Bart und großem, schwarzem Hut, den er übrigens nie absetzte. Auch sonst sah er eigentlich zum fürchten aus. Aber Angst hatten wir schon bald nicht mehr vor ihm, besonders mein Bruder, trotz seiner nur sechs Jahre, nicht. Er durfte neben dem Kutscher sitzen und sogar die Peitsche halten. Da wir Kinder auf der Reise schon etwas Portugisisch gelernt hatten, war die Verständigung einigermaßen.

Vor unseren Wagen waren 5 oder 6 Pferde gespannt. Alle hatten kleine Glocken um, so daß man die Wagen schon von weitem hören konnte. Das war auch nötig, da man meistens nicht ausweichen konnte.
Die Straße war sehr schmal und oft ging es an den Seiten steil hinunter.
Am Abend war ungefähr die Hälfte des Weges geschafft und eine große Grasfläche mit einem kleinen Bach war wie geschaffen zum lagern. Die Pferde wurden ausgespannt, einem von ihnen, wohl dem Leitpferd, wurden die Vorderbeine zusammengebunden. Die anderen konnten frei laufen. An den Seiten der Wagen waren Tröge angebunden. Darin bekamen die Tiere morgens und abends ihr Futter, Mais und Hexel.
Unsere Verpflegung bestand wieder aus Salami und Brötchen. Die Wurst wurde pro Person abgemessen und zwar mit der Hand. Dieses Maß nannte man Palma. Man spreizte die Hand und zwischen kleinem Finger und Daumen hatte man dann ungefähr 23 cm. Dieses Maß war damals gültig und wurde sogar beim bauen angewandt. Wie viel wir bekamen weiß ich nicht mehr. Es war auch nicht wichtig, da wir Kinder von den Fuhrleuten Bohnen und Mandiokmehl (als farofa), und dazu schwarzen Kaffee mit viel Zucker, bekamen, alles Sachen, die uns schon von der Blumeninsel bekannt waren. Gehungert haben wir nicht.

Geschlafen haben wir im Wagen, die Fuhrleute hatten sich ihr Lagen unter den Wagen zurecht gemacht. Häuser waren nirgendwo zu sehen, aber als der Morgen graute, krähten in der Ferne einige Hähne, ein Zeichen, daß es doch Menschen hier gab. Nach einem ausgiebigen Frühstück, das unser Fuhrmann für uns zubereitete, ging die Reise ihrem Endziel entgegen.
Zu Mittag wurde noch einmal eine Rast, an einem schönen Wasserfall, eingelegt. Das Wasser trieb eine kleine Sägemühle an, außerdem stellte der Besitzer auch Mandiokmehl her. Er gab meiner Mutter einen Becher voll, davon kochte sie eine Suppe. Gegessen haben wir sie aber nicht, da sie so zäh wie Leim geworden war. Der Fluß war später für uns sehr wichtig, da meine Eltern 18 Jahre an ihm gewohnt haben. Ich bin dort groß geworden, aber davon später.
Es wurde schon dunkel, da zeigte uns unser Fuhrmann unten im Tal einige Häuser. Auch wenn die Verständigung noch immer schwer war, so verstanden wir doch, daß dort unten unsere Reise ein Ende hatte.
Ich entsinne mich nur noch, daß wir wieder in einem großen Raum, zusammen mit vielen Menschen, auf dem Boden geschlafen haben.

Am nächsten Morgen war der Ort schon früh voll von Kolonisten, die schon einige Jahre früher aus Marechal Mallet hergekommen waren, die meisten waren Polen. Sie hatten schon einiges zu verkaufen und da ja fast niemand Geld hatte (und dieses sowieso keinen Wert hatte) ging bald das Tauschen los. Auch meine Mutter tauschte Besteck gegen Süßbataten, die dann keiner mochte. Aber da die Regierung einen Kaufmannsladen hatte, von dem aus die Neuankömmlinge versorgt wurden, lief sich langsam alles ein.
Nach drei Tagen kam auch mein Vater und meine Mutter hatte schon das erste Brot gebacken.
Die Männer waren zu Fuß gekommen, da die Wagen nur Frauen und Kinder, sowie das Gepäck mitnahmen. Vater hatte für den Weg 14 Stunden gebraucht. Er hatte den Vorteil, im Krieg Infanterist gewesen zu sein, war also allerhand gewöhnt. Auch hatte er auf der Blumeninsel einen Kameraden gefunden, der auch diesmal mitmarschiert war.

Der Anfang in der neuen Heimat

Das war nun Cruz Machado, wie ich schon erwähnte eine Kolonie, die als einzige noch der Bundesregierung in Rio de Janeiro gehörte. Sie war also nur für uns Immigranten zum Siedeln Freigegeben worden. Wir waren jedoch nicht die ersten. Bereits 1909 waren über Marechal Mallet Deutsche und Polen eingewandert. Diese Gruppen waren aber nie nach Uniao da Vitoria gekommen, da es keine Straße gab. Nun aber sollte das Gebiet von dieser Seite her erschlossen werden. (Es war auch eine Eisenbahn von Uniao da Vitoria nach Guarapuava vorgesehen, die jedoch nie gebaut wurde.)

Die Regierung hatte alles aufs beste geplant, es waren noch nicht alle Kolonien vermessen, aber es konnte schon jeder auf der Landkarte seinen Besitz aussuchen. (Übrigens sah auf dem Papier alles eben aus.) Der Vertrag sah etwa folgendermaßen aus: Jede Familie bekam 100 Morgen (10 alqueren) Land. Söhne über 18 Jahren konnten ebenfalls ein Los (100 Morgen) übernehmen. Mit dem Bezahlen sollten die Siedler nach 5 Jahren beginnen, Werkzeug sollte geliefert werden (jeder Erwachsene bekam eine Axt, einen Fäustel und eine Hacke), ein einfaches Haus (3 mal 6 Meter) war vorgesehen und wer eine alquere Wald sauber hatte, sollte Draht für einen Zaun und anschließend auch Vieh bekommen. Aber Rio de Janeiro war weit und die Wirklichkeit sah anders aus. Darum will ich mich doch lieber an meine eigenen Erlebnisse halten.

Das Essen war ein Kapitel für sich. Die Südfrüchte, von denen wir in Deutschland geträumt hatten, gab es hier nicht. Statt dessen war es fast jeden Morgen weiß gefroren, so daß wir mit Orangen oder Bananen gar nicht mehr rechneten. Die Süßkartoffel (batata doce) kam uns zuerst wie verfroren vor, doch dann aßen wir sie gerne (und tun es heute noch). Unsere Kartoffel war ein Luxusartikel, der von weit hergebracht werden mußte und dadurch für uns viel zu teuer war. Am besten waren diejenigen dran, die sich gleich an schwarze Bohnen gewöhnten, da diese leicht zu pflanzen waren. Ein Nahrungsmittel, das vielseitig und leicht zu beschaffen war, war das Maismehl (fuba). Es war jahrelang unsere Hauptnahrung. Es wurde daraus alles zubereitet, zum Beispiel: Brot, Klöße, sogar Rührei (zwei Eier, mit fuba verlängert gaben einen Brotbelag für 4 Personen). Sogar Kaffee machten wir aus fuba, da der gekaufte teuer war und nach allem möglichen schmeckte, nur nicht nach Kaffee. So brannten wir Maisgrütze und wußten wenigstens, was wir tranken. Milch war auch so eine Sache. Es gab nur Dosenmilch und da haperte es wieder mit dem Geld. Die Gutscheine (vale), die mein Vater bald für den Wegebau bekam, reichten gerade für das Notwendigste. Dann, nach Monaten, hatten wir endlich eine Nachbarlinie entdeckt, bei der es Milch, Butter, Quark und Honig gab. Es waren die polnischen Siedler, die uns schon auf dem Stadtplatz begegnet waren. Das Problem war nur das Bezahlen. Da wanderte manches gute Stück als Tauschmittel für Lebensmittel in andere Hände. Mein Vater hat sogar einmal seinen Wintermantel für Bohnen, Bataten und Mandiokpflanzen, zum essen und pflanzen, eingetauscht.

Eigentlich wollte ich ja alles hübsch der Reihenfolge nach erzählen, aber das ist gar nicht so leicht. Also gehe ich erst einmal zurück zu der Zeit, als meine Eltern ihr Land aussuchten und in Besitz nahmen.

Meine Mutter wollte auf keinen Fall noch weiter in den Wald. Da hörte mein Vater, das es 12 km zurück in Richtung Uniao da Vitoria eine Linie gab, die zwar noch nicht fertig vermessen war, aber schon vergeben wurde. Die Linie hieß Independencia und ging genau dort von der Hauptstraße ab, wo wir bei der Hinreise Mittagspause gemacht hatten. Da ja auf der Landkarte alles eben war, hatte mein Vater nur nach Wasser gesehen. Das war zum Glück eingezeichnet, Steine und Schluchten leider nicht. Wir hatten somit in der Mitte der Linie das Los Nr. 30. Es sollte 18 Jahre unsere Heimat werden.

Eines Tages zogen mein Vater und ich dann los. Mutter hatte das Notwendigste eingepackt, Vater trug einen Rucksack mit Bettzeug und Kochgeschirr, in den Händen trug er Werkzeug, Säge, Fäustel und Axt. Mein Gepäck war mein Schulranzen voller Eßwaren und in der Hand hatte ich einen Wassereimer voller Brote, der auf dem langen Weg immer schwerer wurde. Auf der großen Straße ging es ganz gut, wenn Vater auch öfter anhalten mußte, da ich nicht mit ihm Schritt halten konnte. Er konnte mir jedoch auch nicht helfen, da er beide Hände voll hatte.
Das dicke Ende sollte aber erst noch kommen. Es war gut, das wir nicht in die Zukunft blicken konnten.
Am Anfang der Linie war der Weg noch einen Meter breit. Wie wir später hörten, hatte ein Hamburger Tischlermeister mit seinen Söhnen den Weg angelegt, um sein Gepäck auf Mauleseln zu seinem Land bringen zu können. Leider war diese Straße nur zwei km lang. Dann kam die sogenannte „Picade“. Es ging über Baumstämme, durch Quellen und Schluchten. Nie wieder sind mir diese 4 km so lang vorgekommen. Aber plötzlich rief mein Vater, ich solle schnell kommen. Er hatte den Anfang unseres Landes gefunden, den Pfahl mit der Nummer 30.

Der Anfang auf eigenem Land (Mai 1921)

Noch am selben Tag mußten wir uns eine Unterkunft bauen. Das war gar nicht so leicht. Es gab keinen freien Platz, alles war verwachsen mit Bambus und Lianen. Der Wald war noch nie gerodet worden, also noch richtiger Urwald. Übrigens hatte uns, sicher durch Zufall, ein älterer Mann begleitet. Er sagte, daß er unser Nachbar wäre und sein Name sei Sorge. Mit seiner Frau hatten wir die Reise mit dem Fuhrwerk nach Cruz Machado gemacht. Uns hatte also die Sorge von Anfang an begleitet, aber nicht alle Omen werden wahr. Damals half uns Herr Sorge, unsere Hütte zu bauen. Da es Winter war, mußten wir uns sehr beeilen, denn die Tage waren kurz und uns blieben nur drei Stunden bis zum Abend. Meinem Vater ging die Arbeit schnell von der Hand, da er gelernter Handwerker war. Er verstand es mit den Werkzeugen umzugehen. Unserem Nachbarn dagegen fiel es schwer, da er in Hamburg Buchhalter gewesen war und schlecht mit Axt und Säge umgehen konnte. Doch guter Wille ist oft mehr Wert als alles können.

Es wurde trotz der Eile noch eine Hütte, in der wir gut übernachten konnten. Unser Obdach war sehr klein, die Hälfte wurde von dem Bett eingenommen, auf dem wir drei, Herr Sorge, mein Vater und ich, schliefen. Ein Platz zum Feuer machen war nicht vorhanden, es wäre auch zu gefährlich gewesen, da die Wände aus Bambus gemacht waren und das Dach aus zwei dreieckigen Zeltplanen mit Bambusblättern bestand. Wäsche und Lebensmittel waren im Dach aufgehängt, wegen der Ameisen und anderer Ungeziefer.

Für mich waren die ersten Tage im Urwald sehr interessant und lehrreich, war ich doch mit meinen 10 Jahren schon auf mich allein gestellt. Vater hatte mir vor der Hütte eine Kochstelle aus Feldsteinen eingerichtet. Darauf kochte ich für uns das Essen. Es war sehr dürftig, da es kein Gemüse und keine Früchte gab. So gab es dann meistens schwarze Bohnen mit Maismehlklößen. Vater hatte einen neuen Hausplatz gesucht und dabei sehr viel Glück gehabt. Er fand einen freien Platz, nur mit Schilf bewachsen, außerdem mit sehr alten Bäumen, die voller Orchideen waren. Die Bäume waren eine Sorte Holz, die heute fast ausgerottet ist. Sehr hart, dunkel, oft wunderschön gemasert. Eben das ideale Möbelholz.

Ansonsten gab es nur noch Urwald. Es gab auch viel Wild, woran wir aber gar nicht gedacht hatten. So hing meines Vaters Jagdgewehr über dem Bett und er nahm es nicht mit. Ich konnte sowieso nicht mit ihm umgehen.
Was ich dann eines Morgens erlebte klingt wie Jägerlatein, ist aber wahr. Unsere Hütte stand dicht am Bach und ich war mit dem Mittagessen beschäftigt. Da hörte ich ein fremdes Geräusch, ein Plumpsen und Knurren. Plötzlich erschien unten am Wasser eine Wildsau mit ihren Ferkeln (oder sagt man, eine Bache mit ihren Frischlingen?) Sie kam genau auf unseren Feuerplatz zu. Ich kletterte in meiner Angst schnell auf das Bett. Da saß ich nun mäuschenstill unter Vaters Flinte und mußte mit ansehen, wie die Tiere die Töpfe mit dem Essen umwühlten und überhaupt alles vernichteten. Vater hatte aus großen Farnen (xaxim) Hocker und Bänke gemacht. Auch ich hatte mir allerhand gebastelt, um mir die Zeit zu vertreiben. Das alles war nun erst einmal hin. Als die Tiere verschwunden waren, schrie ich so lange, bis mein Vater kam. Lebensmittel hatten wir noch. Trotzdem gingen wir noch am selben Tag zum Stadtplatz, um meine Mutter und meinen Bruder zu holen, damit ich nicht mehr so allein wäre.

Nun waren wir wieder eine heile Familie. Ich mußte zwar weiter den Haushalt versehen, die Verantwortung jedoch, hatte meine Mutter. Die Eltern fingen nun an ein Blockhaus zu bauen. Es gab im Wald eine Sorte Bäume, ihr Name ist bracatinga, die Birken etwas ähnlich sahen (dies gilt nur für die Stämme, die Blätter und Blüten sehen anders aus). Diese Bäume waren sehr hoch und ebenmäßig, so daß ein Baum oft zwei volle Längen ergab. Mit diesen Stämmen, sie wurden aufeinander geschichtet, hatten meine Eltern bald einen Raum von 4 mal 4 Metern fertig. An einer Seite war er noch offen und das Dach war mit einer Art Schilf gedeckt, das wir Kinder zu kleinen Bündeln geglättet hatten. Noch wohnten wir in der Bambushütte, die mein Vater am ersten Tag im Wald gebaut hatte, da zwang uns ein Unwetter zum Umzug. Obwohl es Juni (also Winter) war, donnerte und blitzte es die ganze Nacht. Noch nie hatten wir so etwas erlebt. Alles war durch und durch aufgeweicht, vor allem die Federbetten und unsere Lebensmittel. Ich hatte damals eine Puppe aus Pappmaché. Von ihr waren nur nach die Arme, Beine und der Kopf übrig. Heute denke ich, daß die Puppe eigentlich ein Beispiel meiner Kindheit war: Auch sie war von einem zum anderen Tag verschwunden.

Zum Glück kam am folgenden Tag die Sonne heraus und wir zogen um. Alles mußte getrocknet werden, und Vater baute wieder eine große Pritsche, damit wir nicht auf dem Erdboden schlafen mußten.

Am nächsten Tag erschien ein Mann mit einem Quersack (sacola) über der Schulter, einer langen Säge in der einen Hand, einer Axt und einer Buschsichel in der anderen. Der Mann entpuppte sich als Deutscher (das heißt, geboren wurde er im Staat Rio Grande do Sul). Er war Zimmermann und hatte von der Regierung den Hausbau für die Siedler übernommen. Wir dachten erst, daß da noch weitere Leute kommen würden, aber das war ein Irrtum. Er fing alleine an zu arbeiten.

Mein Vater hat viel von ihm gelernt, vor allem, wie man Bretter und Schindeln aus Pinien spalten konnte. Unsere Hütte fand der Mann sehr gut, aber er meinte, daß das Dach mit dem Schilf nicht lange halten, und zudem Ungeziefer anlocken würde. Hilfe brauchte Herr Schwarz (wie ich ihn nennen will) nur, um mit der Säge die großen Klötze von den Pinien zu schneiden. Den Rest machte er allein. Vater hat ihm gerne geholfen, denn so bekamen wir schnell ein Haus. Es maß 3 mal 6, also 18 Quadratmeter. Die Hälfte hatte sogar einen Fußboden, alles von nur einer Pinie. Die Einrichtung fertigte mein Vater bei Regenwetter an. Immer war er am spalten und hobeln. Jetzt hatten wir schon richtige Betten und es wurde richtig gemütlich. In dem Raum, der als Küche diente, waren an der Wand zwei Bänke, davor ein Tisch. Die Füße der Möbel waren in den Boden geklopft, da in der Küche kein Fußboden war. Der Herd war ein Sockel aus Feldsteinen, auf dem unsere schönen emaillierten Töpfe um das Feuer standen. Jede Woche kochte Mutter das Geschirr mit Asche ab, um den Ruß zu entfernen, aber nach ein paar Tagen war alles wieder schwarz. Später, als ich erwachsen war, habe ich verstanden, warum Mutter immer wieder versuchte, ein sauberes und gemütliches Heim zu schaffen.

Mutter hat auch die Feiertage für uns Kinder, so gut es ging, schön gestaltet. Manches davon habe ich sogar später meinen Kindern weitergegeben. Die Ostereier färbte sie mit Zwiebeln (braun), mit herva mate (grün) und mit schwarzen Bohnen (lila). Jeder bekam 2 Eier, aber sie waren versteckt und es hat viel Spaß gemacht, sie zu suchen. Zu Pfingsten haben wir unsere Hütte mit grünen Ästen geschmückt, die sogar den Birken unserer Heimat ähnlich sahen.

Unseren ersten Weihnachtsbaum haben mein Bruder und ich gestohlen, auf unserem Land gab es nur Urwald und somit keine kleinen Pinien. Aber 8 km entfernt, an der Straße nach Uniao da Vitoria, wohnten Kolonisten, die schon einige Jahre länger hier lebten. Dort gab es schöne Weihnachtsbäume. Die Pinien wuchsen wild, mit großen Ballen voller Nüsse, die, wenn sie reif sind, platzen und so wachsen, wenn die Nüsse mit der Spitze auf den Boden fallen, neue Pinien. So einfach war das mit dem Besorgen des Weihnachtsbaumes nicht. Wir hatten der Mutter nichts von unserem Unternehmen gesagt, da sie uns sicher nicht hätte gehen lassen. Einen kleinen Baum hatten wir zwar schnell gefunden, doch Pinien haben statt Nadeln breite Dornen. Nachdem wir das Bäumchen mit viel Mühe abgehackt hatten, wickelten wir einen Sack um den Stamm. Doch nun mußten wir zurück durch den Zaun (mein Bruder war ja erst 6 Jahre alt, es war also gar nicht so einfach). Mein Bruder mußte das Beil tragen und ich den Baum. Leider war dieser viel größer, als er stehend ausgesehen hatte. Endlich waren wir wieder auf der Straße. Da kam zu allem Unglück auch noch der Eigentümer des Landes. Er war sehr böse und wollte uns den Baum nicht lassen. Wie sich dann doch noch alles zum Guten wendete, weiß ich nicht mehr. Schließlich konnten wir uns nicht einmal verständigen, da er Ukrainer war und wir nur deutsch sprachen.
Unsere Eltern hatten uns natürlich vermißt und so kam uns gerade mein Vater entgegen. Sie hatten überall gesucht, aber eine Nachbarin hatte uns laufen gesehen.
Nachdem sich dann alles zum Guten gewendet hatte, hat meine Mutter den Baum schön geschmückt, mit Bergkristall (den es auf unserem Land in großen Mengen gab) und Kerzen aus Bienenwachs.

Unser Tägliches Leben spielte sich nun folgendermaßen ab: Die Eltern fingen an, Land zum bepflanzen vorzubereiten, was gar nicht so leicht war. Zuerst wollte mein Vater all das schöne Holz aufstapeln, um es später zu nutzen. Aber es wurde immer mehr und eines Tages sagte der alte Hausbauer, Vater müßte es alles verbrennen, da es sonst eine Gefahr für das Haus werden würde und sich außerdem Ungeziefer darunter ansammeln könnte. Es war alles sehr mühsam. Viele Tage regnete es, so daß nichts getan werden konnte. Auch mußte immer wieder an der Straße gebaut werden, wir mußten ja von etwas leben.

Lebensmittel zu besorgen war ein Problem. Zwar sollten wir nach dem Versprechen der Regierung für ein Jahr Verpflegung, Werkzeug und 100 Morgen Land erhalten, das Land sollte nach 5 Jahren abbezahlt werden und ein Haus sollte auch vorhanden sein. Vermutlich war das Geld für all dieses wirklich von der Regierung geschickt worden, für uns Immigranten sah alles jedoch etwas anders aus.
Das Haus mußte man selber bauen, sonst wurde es als Schuld in die Landpapiere eingetragen. Für den Lebensunterhalt konnte an der Straße gearbeitet werden. Das sah folgendermaßen aus: Durch den Urwald einen 1 Meter breiten Weg schlagen, wobei die Arbeit 100m weis bezahlt wurde. Dieses geschah jedoch nicht mit Geld, sondern mit Gutscheinen (vale), die jedoch nur die Verwaltung annahm. Diese hatte auch das Geschäft am Ort, wo es alles zu kaufen gab (sogar Dosenmilch, auch wenn wir uns die nicht leisten konnten.) Im freien Handel war alles nur halb so teuer, aber da wir kein Geld hatten, konnten wir uns dort nichts kaufen. Meine Eltern bekamen im Januar für 75 Reichsmark einen Milreis, die Großeltern, die im Dezember des selben Jahres nachkamen, mußten schon 100 Reichsmark für einen Milreis zahlen. Da blieb von den Ersparnissen nicht viel übrig. Ein Beispiel: Unser „Brotmehl“ war das Maismehl (fuba), da Weizenmehl zu teuer war. Von diesem fuba kosteten 15 kg (eine aroba) in der Mühle 2,5 Milreis. Im Regierungsladen kostete die gleich Menge schon 5 Milreis und wie ich schon vorher erwähnt hatte war Maismehl unsere Hauptnahrung. Das Brotbacken war eine Geschichte für sich, deswegen möchte ich ihm eine Extrabeschreibung widmen.

Unser täglich Brot

Wenn ich morgens mein Frühstück esse, meistens mit zwei oder drei Sorten Brot, dann denke ich oft an die erste Zeit hier in Brasilien zurück, in der es gar nicht selbstverständlich war, richtig gebackenes Brot auf dem Tisch zu haben. Wir hatten ja gerade einmal ein Dach über dem Kopf, nicht jedoch einen Backofen.

Das erste Brot, das meine Mutter im Wald draußen bug, war aus einem Teig, bestehend aus Maismehl, Wasser, Salz und, als Triebmittel, Natron. Hefe gab es nicht und Backpulver war viel zu teuer. Da das Maismehl sehr grob war, mußten wir den Teig sehr weich anrühren. Als Backformen hatten wir von dem Schiff, mit dem wir aus Deutschland gekommen waren, zwei gleiche Blechschüsseln mitgebracht. In die eine Schüssel kam der Teig, die andere wurde darauf gestülpt. Dann wurde ein kleiner Scheiterhaufen angesteckt, und, wenn alles Holz zu Glut verbrannt war, wurde die Form in die Glut gestellt und mit Glut bedeckt. Dieses Verfahren ging so lange gut, bis die Schüsseln durchgebrannt waren.

Nun versuchte mein Vater einen Backofen zu bauen. Dieses war nicht so einfach, da es Ziegelsteine nur in der nächsten Stadt gab, 2-3 Tagesreisen mit dem Pferdefuhrwerk. Außerdem hätten wir die Steine noch 7 km tragen müssen, da ja noch keine Straßen vorhanden waren. Jedoch gab es auf unserem Land viele Feldsteine, die nun von uns gesammelt wurden. Großvater machte aus Lehm und Schilfgras eine Masse zum mauern und so dauerte es gar nicht lange, da war ein wunderschöner Backofen fertig. Mutter hatte inzwischen ein wenig Teig zur Seite gelegt, so daß wir nach zwei Tagen guten Sauerteig hatten (das Natronbrot konnten wir nämlich schon nicht mehr riechen, es war immer etwas grünlich, da man für das schwere Mehl sehr viel Natron brauchte).

Nun waren jedoch alle Probleme gelöst und wir mußten nur noch warten, bis der Ofen getrocknet war. Nun kam der große Augenblick, Mutter hatte vier Formen mit Teig gefüllt, der mit dem Sauerteig wunderbar aufging, der Ofen war heiß und nach einer Stunde zog Mutter die ersten Brote heraus. Beim dritten jedoch passierte es: Die Steine waren nicht die selben wie in der Heimat, sie waren durch die Hitze gesprungen und als sie nun abkühlten, fiel alles in sich zusammen. Ein Brot mußten wir aus den Trümmern bergen.
Komischerweise hatte die Lehm- Schilf- Masse gehalten, nur die Steine waren geplatzt. Vater hat dann aus der selben Masse Ziegelsteine geformt, getrocknet und daraus einen neuen Ofen gebaut. Durch die große Hitze bei jedem Backen ist dieser Ofen so hart geworden, das wir viele Jahre darin gebacken haben, ohne das etwas passiert ist.
Hier endet die Chronik unserer ersten Einwanderung in den Jahren 1920-1921.
Es folgen die Namen der ersten Siedler der Linie Independencia, Kolonie Cruz Machado, soweit ich mich ihrer entsinnen kann:

Riedel, Jensen und Schröder aus Kiel.

Mertinat, Krüger, Berend, 3 mal Schliesing, Mielke, Müller Fritz, Müller Otto, Kienast aus Berlin.

Meier Adolf, Arndt, Repke, Sobotka, Fahrenholt aus dem Ruhrgebiet.

2 mal Reucher, Becker, Beckeier und Track aus Paderborn.

Graupmann, Hoppe, Riekazewski aus Wittenberge.

Moecke, Södebehr, Sorge, Erdmann Fritz, Erdmann August, Monsheimer und Steigenberger aus Hamburg.

Bogner aus Nürnberg.

Lindenblatt.

Kroenig aus der Schweiz.